Montag, 20. November 2006

Ist der Islam ein Monotheismus?

Nein, das ist er entgegen allgemeiner Behauptung nicht! Zumindest nicht nach dem Credo der bei weitem überwiegenden Zahl der Muslime, für das Autoritäten stehen wie Ahmad ibn Hanbal (+ 855), das Haupt einer der vier kanonischen Rechtsschulen, und Abu l-Hasan al-Asch‘arî (+ 935), der Theologe mit der wohl größten Nachwirkung im sunnitischen Islam. Nach diesem Credo ist der Koran nicht nur ewig, sondern vor allem unerschaffen (arabisch: ghayr mahlûq). Was genau unter dem Namen "Koran" unerschaffen sein soll, etwa jene "wohlverwahrten Tafeln" des Korans im Himmel (arabisch: lauH maHfûZ, Koran 85,22) oder – wie Ibn Hanbal einschärfte – sogar die arabischen Laute des irdischen Vortrags, ist hierbei gleichgültig. Jedenfalls bekennt dieses Credo ein unerschaffenes (im philosophischen Fachbegriff: nicht kontingentes) Wesen, das nicht Allah ist, mithin ein zweiter Gott.

Diesen Vorwurf hatte die Philosophen- und Theologenschule der Mu‘taziliten im 9. Jahrhundert ihren Gegnern auch tatsächlich und zu Recht gemacht. Nach kurzer Zeit der Verfolgung durch die Inquisition (arabisch: miHna) des Kalifen Al-Ma’mûn (+ 833) errangen aber letztere unter Führung von Al-Asch‘arî einen vollständigen Sieg über die nunmehr als Häretiker verurteilten Mu‘taziliten. Sie machten geltend, der Koran sei nicht erschaffen (arabisch: mahlûq), weil er Wort Allahs und damit wie jedes Attribut Allahs zugleich mit ihm unerschaffen und ewig sei.

Natürlich kann aus vielen Gründen der Koran nicht, so wie etwa die Gerechtigkeit, als Attribut Gottes gedacht werden. Man versuche nur einmal, einen Satz wie "Gott ist gerecht" mit einem Attribut "Koran" oder "koranisch" nachzubilden!

Vor allem aber führt diese Art theologischer Begründung zwangsläufig auf einen dritten Gott: Jesus ist dem Koran zufolge "das Wort Allahs" (Koran 4,171: "der Bote Gottes und sein Wort", arabisch: rasûlu llâhi wa kalimatuhu, also nicht etwa nur "ein Wort Allahs"). Nach der Logik der Asch‘ariten muß er damit unerschaffen, mithin ein (dritter) Gott sein, wenngleich diese das ausdrücklich abstreiten.

Wer einmal Einblick genommen hat in die islamische Polemik gegen das Christentum, kennt deren Masche, die Darlegung der Heiligsten Dreifaltigkeit als eines Gottes für Wortgeklingel abzutun. Es besteht keine Notwendigkeit, sich in dieser Weise vorführen zu lassen: Das asch‘aritische Credo der weit überwiegenden Zahl der Muslime jedenfalls kennt zwar keine Dreifaltigkeit, dafür aber zweifellos drei Götter – auch wenn es Koran und Jesus Christus nicht wortwörtlich so nennt.

Kommentare:

Hospitalier hat gesagt…

Wenn ich es richtig verstehe, geht es hier selbstverständlich nicht um billige Islam-Kritik sondern um das Aufzeigen von logisch-fragwürdigen Zusammenhängen, die Bestandteil eines wissenschaftlichen Diskurses sind, eines wissenschaftlichen Diskurses, der innerhalb des Islam, meines Wissens, nicht gepflegt wird oder werden darf.

Ferne sollte es uns jedenfalls liegen, Angehörige der islamischen Religionsgemeinschaft verletzen oder beleidigen zu wollen. Das ist klar.

Im Großen und Ganzen sehe ich die Rede des hl. Vaters heuer am 12. September in Regensburg als wichtigen Impuls zu einem Eintritt in diesen wissenschaftlichen Diskurs.

Ein Diskurs der geführt werden sollte, ohne Angst haben zu müssen vor einer Fatwa (islam. Morddrohung) oder vor Rassissmusvorwürfen seitens der eigenen Bevölkerung.

Klar ist, dass der Artikel von Christoph Heger ja nur leicht die Oberfläche ankratzt und ein recht unscharfes Bild von der Problematik zeigen kann.

dilettantus in interrete hat gesagt…

Zu ergänzen bei dieser Fragestellung wäre, daß es auch im Judentum die Vorstellung der "ungeschaffenen" Thora gibt.

Ansonsten Leute: Herzlich willkommen in der Blogoezese!

Hospitalier hat gesagt…

Vielen Dank für den Willkommensgruß.

-jk-